Literatur und Sachbuch
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»Besuch beim Alten Casanova« Gerd Forster

Besuch beim alten Casanova

 

Giuseppe Lolli wurde wach, als die Schläge einer Turmuhr in sein Ohr drangen. Er blieb noch eine Weile liegen und genoss die ausgestreckte Position, um seinen durch die Kutschenfahrt von Prag hierher strapazierten Hintern zu entspannen, in seinem Kopf freilich noch die mahlenden Räder, der Hufschlagrhythmus der Pferde, das Peitschenknallen und die Rufe und Flüche des Kutschers.
Zu Beginn der Reise gestern hatte er mit zwei älteren Paaren den Wagen geteilt, die sich tschechisch unterhielten, während sie ihren reichlich mitgebrachten Proviant verzehrten und dazwischen Wasser aus großen Flaschen tranken, und da er von ihren Gesprächen nichts verstand, hatte er nach dem sehr frühen Aufstehen, was er überhaupt nicht gewohnt war, phasenweise noch etwas Schlaf nachholen können. Dazwischen durch das Fenster die herbstlich getönte Landschaft vor Augen, in den Ohren die fremde Sprache mit diesen Ansammlungen von Zischlauten, wodurch die Vokale – so empfand er das als Italiener – etwas warten mussten, bis sie dran kamen.
An der Posthaltestelle, die sie um die Mittagszeit erreicht hatten, wo die Pferde gewechselt wurden, waren die Tschechen, ziemlich viele Krümel hinterlassend, ausgestiegen, und der bärbeißige, ledergesichtige Kutscher hatte die Gaststube aufgesucht, um das ihm zustehende Mahl einzunehmen. Dadurch war Lolli bewusst geworden, dass auch er, ohne etwas zu futtern, es nicht bis zur Ankunft am Abend in Dux durchhalten werde, denn dabei hatte er nichts. Und so betrat er ebenfalls die Gaststube. Der Kutscher hockte an einem Tisch zwischen Tresen und Küchentür, in der Hand bereits einen Krug Bier, neben ihm ein hemdsärmeliger Mann mit rot leuchtender Glatze, offenbar der Wirt, denn er erhob sich nun und fragte Lolli nach seinen Wünschen. Der hatte keine Mühe, ihm verständlich zu machen, dass er zum Bier gern eine Kartoffel- oder eine Erbsensuppe mit Würstchen hätte.
Als er später, das Hornsignal des startbereiten Kutschers im Ohr, was ihm einerseits weh tat, gleichzeitig aber amüsierte, weil bei jeder Wiederholung der höchste Ton misslang, hinauseilte und in den Wagen stieg, hatten darin bereits drei weibliche Wesen nebeneinander Platz genommen. Zwei junge Damen, die sich sehr ähnlich sahen, also zweifellos Schwestern waren. Noch ähnlicher als ihre hübschen Gesichter mit schmalrückiger Nase zwischen munteren dunklen Augen, umflossen von offenen kastanienfarbigen Haaren, war ihre Kleidung, das heißt völlig identisch: halblange, pflaumenblaue Mäntel und darüber ein roter Schal. In ihrer Mitte, mehr Sitzfläche benötigend, eine ältere Frau, gewiss die Mutter, in eine dicke, lange, mausgraue Strickjacke mit Zopfmuster gehüllt, die eher grau als schwarz zu bezeichnenden Haare halb von einem schwarzen Hut be-
deckt.
Er war mit einem freundlichen Grüßgott zugestiegen und hatte sich ihnen gegenüber hingesetzt, worauf alle drei lediglich mit einem kurzen Nicken reagierten, vielleicht weil sie gerade ihr Strickzeug ausgepackt und sofort losgelegt hatten. Da er mehrmals schon jeweils für einige Zeit in Wien und in München beschäftigt gewesen war, verstand er manches von ihrem dialektgefärbten Deutsch, jedoch nicht genug, um sich an ihren Gesprächen beteiligen zu können, was ihn allerdings auch nicht reizte. Natürlich entging ihm nicht, dass sie ihn ab und zu musterten, ohne sich denken zu können, woher er stammte und wohin er jetzt wollte. Auf Grund seiner rötlichen Haare war in ihm wohl kaum ein Italiener zu vermuten. Alle drei strickten dicke Strümpfe, und zwar, wie ihm seine Nase sagte, aus Schafwolle. Ihre eifrige Tätigkeit galt also dem sich nähernden Winter, um dafür mit warmen Füßen gewappnet zu sein, sie selbst und vielleicht noch andere Familienmitglieder. Dazu passte draußen vor dem Fenster das herbstliche gelbe, braune und rote Laub der langsam vorbeigleitenden Bäume.
Er liebte Bäume, vor allem die Laubbäume hier: Eichen, Ulmen, Buchen, Linden, Birken, Platanen, obgleich sich selten Gelegenheit ergab, ihnen zu begegnen, höchstens während seiner Freizeit in Parks. Betrachtete dann ihre Kronen, die unterschiedlichen Formen ihrer Blätter und deren Adern, und immer wieder musste er staunen und vermochte es nicht zu begreifen, wie die flüssige Nahrung aus den Wurzeln bis in die letzten Wipfel aufsteigen kann. Jetzt im Herbst wird – draußen war es zu sehen – die Versorgung eingestellt, die Blätter verfärben sich und segeln lautlos zu Boden.
Nach und nach hatten die Frauen immer heftiger mit ihren Nadeln gefuchtelt, vor allem die Schwestern, und, so sein Eindruck, sich dabei gegenseitig motivierend, als wollten sie ihn damit aufstacheln, endlich den Mund aufzumachen. Doch den Gefallen tat er ihnen nicht. Irgendwann hatte ihn schließlich die Mutter gefragt, ob er auch bis Dux fahre. Darauf hatte er nur genickt. Doch nun wollte sie noch wissen, ob er dort jemanden besuche, sie sei in Dux zu Hause, und da der Ort nicht groß sei, kenne sie wahrscheinlich die Familie oder die Person, die er in diesem Fall treffen werde. Vielleicht, hatte er zu ihrer erkennbaren Enttäuschung gesagt. Weiter nichts. Was ging sie das auch an.

Während die Kutsche jetzt zügig vorankam, musste er über sein, wie ihm völlig klar war, ziemlich abenteuerliches Vorhaben nachdenken, den greisen Signore aufzusuchen, ein Vorhaben mit ungewissem Ausgang. Hätte er, bevor er die Reise antrat, sich nicht zuerst näher über den berühmten Mann informieren sollen? Aber wo und wie? In einer Bibliothek? Mit genaueren Kenntnissen über das hinaus, was er schon über ihn gehört hatte, wäre ihm vielleicht der Mut für sein Unternehmen abhanden gekommen. Er hatte erfahren, dass der Signore im Duxer Schloss lebt und dort als Bibliothekar arbeitet. Allerdings könnte ihm durchaus passieren, ihn nicht anzutreffen, weil er zufällig unterwegs war. Somit wäre seine Reise für die Katz gewesen. Davon erzählt hatte er niemandem, keinem unter seinen Kollegen, auch seiner Zimmerwirtin nicht, aber da sie fast ausschließlich Schauspieler und Sänger aus dem nahen Ständetheater beherbergte, war sie es gewohnt, dass ab und zu ein Bett leer blieb. Und seine Frau zu informieren, wäre sinnlos gewesen im Hinblick auf die lange Zeit, die ein Brief in ein anderes Land unterwegs ist.
Es war schon längst dunkel gewesen, als die Kutsche auf dem Marktplatz in Dux anlangte, und das Schloss, weil lediglich hinter einem Fenster Licht flackerte, nur in Umrissen wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu zeigte sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Gasthof hell erleuchtet, und, seine Tasche mit dem Allernötigsten für eine Übernachtung in der Hand, war Lolli, verfolgt von den Blicken der drei Stricknadelfrauen, darauf zugeschritten und hatte drinnen ein Zimmer beziehen können, nicht gerade komfortabel, aber immerhin besser als seine dürftige Bleibe in Prag. Und sogar billiger. Und obgleich es schon recht spät war, hatte er noch ein vollständiges Essen bekommen.

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