Literatur und Sachbuch
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»Heidelbeerkind« Marion Bischoff

1. Verrate mich nicht!

Sonntag, 13. August 1944


Amselgezwitscher, das sanfte Wiegen der Baumwipfel im Wind, die Strahlen der aufgehenden Sonne, die durch Fichten und Buchen blitzten – ein Bild von Friedlichkeit umfing Elise, obwohl schon lange kein Frieden mehr herrschte.
Die einquartierten Soldaten, die ihren Dienst am nur wenige Kilometer entfernten Westwall verrichteten, waren ein Zeichen dafür, wie nahe die Bedrohung aus Frankreich schon vorgerückt war. Täglich brachen die Männer am frühen Morgen auf, um ihre Wachposten nahe Pirmasens zu beziehen. Hinter vorgehaltener Hand hatten sich letztens zwei Soldaten in Marthas Gasthaus darüber unterhalten, dass sie den Bunkeranlagen bei einem Angriff der Alliierten nicht trauten. Einer hatte ein Foto seiner Tochter ausgepackt und es geküsst. Elise hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und ihm versprochen, dass er seine Tochter bald wieder sehen wird.
Sogar vor den Heidelbeerbüschen hier auf der Lichtung machte der Krieg nicht Halt. Ungeachtet dessen, dass dieser Grund und Boden ihrem Vater gehörte und jeder im Ort das wusste, waren die Büsche vollkommen abgeerntet. Sie hätte gar keine Schüssel gebraucht. Seufzend schob sie sich drei verbliebene Beeren in den Mund und ging ein paar Meter weiter in den Wald hinein. Etwas unterhalb des Weges gab es einen Sandsteinfelsen, an dessen schlecht zugänglicher Rückseite sich ihr geheimer Pflückplatz befand. Dort hoffte sie wenigstens noch ein paar Heidelbeeren zu finden.
Sie rutschte an der mannshohen Hecke vorbei, die den Felsen vom Weg trennte. Da knackte es im Gebüsch neben ihr. Sofort hielt sie in ihrer Bewegung inne und lauschte. Ihr Herz klopfte laut. Mit zitternden Händen schob sie die Zweige beiseite und versuchte, durch das Dickicht der Sträucher etwas zu erkennen. Doch sie sah nichts Besonderes und als sie auch nichts Verdächtiges mehr hörte, ging sie die drei Schritte zum Felsen hinunter und kniete sich zwischen die Büsche.
Das Zwitschern der Amseln beruhigte sie wieder. Vor dem Felsen entdeckte sie tatsächlich einige Beeren, zupfte sie flink ab, unterbrach ihr Tun aber immer wieder, um auf ungewöhnliche Geräusche zu lauschen. In diesen Zeiten war es nicht ungefährlich im Wald, das hatte ihre Mutter ihr wieder und wieder eingetrichtert.
Plötzlich vernahm sie ein leises Ächzen. Diesmal war sie sich ganz sicher, dass irgendetwas in der Hecke sein musste. Sie schlich zu den Büschen hinüber, bog die Zweige auseinander und blickte direkt auf einen daliegenden Soldaten.
»Karl!«, entfuhr es ihr, aber im gleichen Moment war ihr klar, dass es unmöglich ihr Verlobter sein konnte. Den würden die russischen Sümpfe nie mehr … Sie verbot sich den Gedanken.
Der Soldat rührte sich nicht. Sie ging auf die Knie und kroch auf ihn zu. Zweige kratzten an ihren Armen, doch vor Aufregung spürte sie das kaum. Als sie näherkam, erkannte sie, dass er eine deutsche Uniform trug. Seine Hose war blutverschmiert.
»Verzeihung«, presste sie hervor. Ihr Hals fühlte sich an, als wolle ihr jemand die Luft nehmen.
Da sie keine Atembewegungen feststellen konnte, legte sie den Zeigefinger an seine Halsschlagader. Es dauerte einen Augenblick, dann spürte sie das Pulsieren. Behutsam drehte sie seinen Kopf zu sich, um zu sehen, ob es vielleicht ein Rückkehrer aus dem Dorf war. Aber den jungen Mann, der da vor ihr lag, hatte sie noch nie gesehen.
»Kannst du mich hören?« Sie schluckte ihre Nervosität herunter. Weil er nicht antwortete, wiederholte sie ihre Frage, doch auch jetzt reagierte er nicht. Sie schüttelte ihn leicht an der Schulter.
Seine Lider flatterten, er blinzelte und schlug schließlich die Augen auf. Er wollte sich aufrichten, doch kaum hatte er den Oberkörper ein Stück angehoben, sackte er stöhnend wieder in sich zusammen.
Sie zuckte zurück.
»Lass mich! Geh weg!«, flüsterte er.
»Wer bist du?«
Er schüttelte den Kopf.
»Sag mir wenigstens, woher du kommst.«
Wieder schüttelte er den Kopf.
»Was ist mit deinem Bein? Woher kommt das ganze Blut? Soll ich einen Arzt holen?«
»Nein, keinen Arzt … Bitte! Keine Hilfe. Nichts.«
»Aber du kannst doch nicht hier liegen bleiben.«
»Ich … Ich gehe ja weiter. Bald. Ich wollte … wollte mich nur ausruhen.« Er sprach mit einem eigenwilligen Akzent. So hatte sie noch niemanden sprechen hören.
»Dann komm mit mir nach Hause. Da kannst du dich ausruhen und in ein paar Tagen weitergehen.«
»Nein, ich … lass mich, vergiss, dass du mich gesehen hast.«
Sie konnte seine Stimme kaum mehr hören. »Aber warum willst du dir denn nicht helfen lassen?«
Unter sichtlich großen Mühen öffnete er noch einmal die Augen. Sah sie mit einem verzweifelten Blick an.
Elise schnürte es den Hals zu. »Bist du etwa desertiert?«
Er drehte den Kopf zur Seite. Das war Antwort genug.
Elise schluckte. »Ich … Du … Du musst keine Angst haben.«

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