Literatur und Sachbuch
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»Ameisen brennen nicht« Werner Lutz

Kapitel I


Lag es an Vaters Weigerung, sich einen Anzug nähen zu lassen,
oder daran, dass Regina plötzlich in unserem Dorf auftauchte,
oder war es einfach nur dieser Sommer mit seinem frühen
Licht und den heißen, schlaflosen Nächten, der die Geschehnisse
entfesselte, die unseren Ort wochenlang in Atem hielten?
Ich rätsele heute noch.
Als die Geschichte begann, saß ich gerade wieder einmal auf
dem Salzsack in der Backstube. Vater hatte vor zwei Wochen
eine neue Erziehungsmethode eingeführt, von der ich besonders
betroffen war. Hatte man irgendetwas »angestellt«, gab es
keine Ohrfeige wie in der Schule, man wurde auch nicht damit
bestraft, früher als die anderen ins Bett zu gehen. Nein, seit
vierzehn Tagen musste man für eine bestimmte Zeit auf dem
Salzsack in der Backstube sitzen.
»Dann kannst du über deine Schandtaten bestens nachdenken
«, hieß es übereinstimmend von Vater und Mutter. »Und
außerdem können wir uns dabei noch nett unterhalten.« Nachzudenken
hatte ich heute über mein Zuspätkommen fürs Autoladen.
Ich sollte gestern, am letzten Schultag vor den großen
Ferien, um vier Uhr zu Hause sein, um das Auto für die Brottour
in den Nachbarort Büchel zu laden und hatte das vergessen.
Abends gegen sechs Uhr, als ich vom Spielen mit meinen
Freunden nach Hause kam, fiel es mir wieder ein. Vater war
natürlich sauer.
Kurz und gut: Eine Stunde Salzsack.
Ich saß also auf meinem aus dichter Jute gewebten Salzsack
neben der Tür zum Brotraum in der Backstube und wartete
sehnsüchtig darauf, dass die eine Stunde vorbei sei, als Mutter
die Tür hereinkam und sagte:
»Johann, im Dorf ist ein Tuchhändler unterwegs, der hätte
gute Stoffe, sagte gerade Irmgard Steffes im Laden. Sie haben
gestern Stoff gekauft, ihr Mann braucht unbedingt einen neuen
Anzug. Und du brauchst auch einen neuen. Bei deinem alten
ist die Hose am Hintern fast durchgescheuert.«
»Auf meinen Hintern schaut doch kein Mensch, außerdem
ist die Anzugjacke so lang, dass er verdeckt wird. Der Anzug
macht es noch ein paar Jahre.«
»Ja, aber denk daran, nächstes Jahr haben die beiden Jungs
Kommunion, und dann musst du nicht mit dem ollen Ding da
rumlaufen.«
Mit den beiden Jungs waren meine jüngeren Brüder Robert
und Klaus gemeint, die zwar altersmäßig ein Jahr auseinander
waren, aber gemeinsam zur Kommunion gehen sollten.
»Nun gut, wenn der Händler kommt, kannst du mich ja
rufen«, sagte Vater nach einigem Zögern und griff mit beiden
Händen in den Teigkessel der Knetmaschine, um weitere Brotteigstücke
abzuwiegen und in zwei Reihen auf die Mulde zu
legen. Mutter wollte noch etwas sagen, aber da klingelte schon
die Ladentür und sie verschwand, Vater kritisch anblickend, in
den Flur. An Vaters Stimmlage war genau zu erkennen, ob er
im Moment nichts mit der besprochenen Sache zu tun haben
wollte oder ob es ihn ernsthaft interessierte. Und jetzt schien
wohl der erstere Fall vorzuliegen. Ich merkte das daran, dass
er etwas wie: »Lass den mal kommen«, vor sich hingrummelte,
als die Tür ins Schloss gefallen war. Er würde Gründe finden,
die Anschaffung eines neuen Anzugs um ein oder zwei Jahre
zu verschieben, da war ich mir sicher. Ich hörte ihn leise lachen.
Das war für mich der richtige Moment, zu fragen: »Vater, wie
lange noch? Noch zehn Minuten?«
Erst jetzt schien er mich wieder wahrzunehmen, drehte sich
um, schaute auf die Uhr und meinte: »Noch vierzehn Minuten,
und die wollen wir auch einhalten, nun nerve nicht!«
Diese Schlussbemerkung war ein Warnsignal, das mir ganz
klar zu verstehen gab: Nicht mehr fragen, sonst gibt es Verlängerung.
Letzte Woche erst hatte mir meine Fragerei ganze acht Minuten
Verlängerung eingebracht.
Vater war beim Absitzen meiner Salzsackstrafe in Bezug auf
die Zeit unerbittlich, er ließ sich auch nicht durch angebliches
Bauchweh oder durch vorgetäuschte Kopfschmerzen austricksen.
Erst recht nicht durch Quengeln. Quengeln war total kontraproduktiv.
Das kostete.
Vater war nicht immer so pingelig mit seinen Zeitangaben,
er konnte großzügig, ja generös sein. Manchmal hätte man den
Eindruck haben können, er habe überhaupt kein Zeitgefühl.
Kam es nämlich vor, dass morgens im Laden Kundschaft auf
frische Brötchen wartete, und Mutter in der Backstube nachfragte,
wie lange es noch dauere, war Vaters Antwort immer: »Noch
knapp fünf Minuten.« Er behauptete dies einfach, obwohl jeder
in der Backstube wusste, es dauert bestimmt noch zehn Minuten,
denn oft waren die Brötchen noch im Gärraum und noch
gar nicht im Ofen.
»Was ist das, ein Tuchhändler?«, fragte ich, um die letzten
Minuten meiner Arrestzeit auf dem Salzsack zu verkürzen.
Vater, der mit dem Rücken zu mir an der fensterseitigen
Backmulde stand, hatte sich zwei Teigstücke genommen, rund
gewirkt und in längliche Backformen aus Blech gelegt. Das
ergab das gute Kastenbrot.
»Das ist einer von den Reisenden, die mit Stoffballen von
Haus zu Haus gehen und den Leuten Stoffe verkaufen. Der
›Scherepitter‹ macht daraus für die Leute Anzüge, Hosen,
Röcke oder Kleider.«

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