Literatur und Sachbuch
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Leseprobe »Ortsfest«, Franz von Stockert

 

 

Kapitel 1

Der Hof in seiner ganzen Ausdehnung ist schwer überschaubar. Niemand zu sehen - und auch die Stimmen und Geräusche brauchen nicht von Menschen zu stammen: das alte Gemäuer, die unregelmässige Bebauung mit ihren Haupt- und Nebenschauplätzen, einzelne gewaltige Bäume, ein Turmhaus, die Ökonomiegebäude, das Wohnhaus mit Mansardendach - fast schon ein Schloss : eine so weitläufige Anlage kann gar nicht ganz verstummen.
Sie liegt da in sonntäglicher Ruhe, obwohl heute kein Sonntag ist. Das Buckelpflaster strahlt die Hitze des Tages ab. Nicht mal ein Hund ist zu sehen, kein Tier außer den Vögeln, die am Himmel kreuzen. Zwei Autos - dicht an der Mauer abgestellt, wie lange nicht gefahren.  Die Fenster der Gebäude sind dunkle Löcher oder spiegeln abweisend den grellen Himmel. Nur am Erdgeschoss des Hauptgebäudes sind sie außen mit schweren Korbgittern, innen mit Vorhängen verhangen. Letztere von der Sonne verblichen und reglos. Die Augen müssten sich erst lange ans Dunkel gewöhnen, um durch die Spalten etwas von den Innenräumen zu erkennen.
Gegenüber, wo kein Gebäude sondern wild wucherndes Rosengebüsch den Hof begrenzt, dürfte es zum Park gehen. Scharf links führt eine Treppe unter Tag. Das Haus darüber ist offenbar längst verschwunden. Der allein erhaltene Gebäudesockel ist bewachsen, eine Art Gartenterrasse, wohl planmässig angelegt, aber nicht mehr gepflegt. Die abwärts führende Treppe, mit Unkraut und Schutt übersäht, ist begehbar.
Ein beträchtliches Kellergewölbe: leer, trocken, angenehm kühl vom gestampften Fussboden her. Etwas Licht fällt durch die beiden Kellerluken; umgekehrt: gute Aussicht auf den Hof. Das niedrige Holzgestell, Rest einer alten Obstdarre, hat sicher schon manchem fremden Gast als Bettstelle gedient. Alles weitere findet sich.

 

Kapitel 2

Aus einiger Entfernung sahen sie wie Jugendliche aus: farbenfrohe Kleider, tänzelnde, wippende, schlenkernde Beinbewegungen, die Hände in den Blousontaschen oder von Hundeleinen umwickelt, an deren Ende hechelnde, winselnde Rassetiere zerrten, die burschikose Begrüßung jedes Dazukommenden, pantomimisch oder mit Zuruf ausgedrückte Wiedersehensfreude und vereinzelt aufflackerndes Gelächter. Von nah waren sie weniger jung als freizeitmäßig kostümiert, einige als Jäger, andere als Athleten, als Play- oder Cowboys. Das Stimmengewirr und motorische Durcheinander ließ denn doch ein Reglement mit deutlichen Abstufungen erkennen. Was dem einen mein Lieber war, war dem andern Anlass zu gemessenem Kopfnicken. Handschlag und Schulterklopfen wurden nicht wahllos verteilt, sondern demonstrierten jeweils eine engere, dabei nicht immer umkehrbare Beziehung. Vorlaute Bemerkungen über einen ankommenden Dritten sind auf die Lachlust eines ranghöheren Zweiten berechnet. Für die Hunde gab es, je nach Besitzer, wohlfeiles Lob, fachmännische Expertisen, scherzhafte Reizreden, gespielte oder überspielte Angst bis geduldiges Ertragen ihres Geschnobers an der Gürtellinie - jeweils dem Herrchen zur Kenntnisnahme. Auch sonst geschah nichts ohne Ansehen der Person. Vielmehr wurde jeder schon bei seiner Annäherung einer peinlichen Befragung durch Blicke unterzogen: ob das von dem außerdienstlichen Anlass geforderte sportliche Inkognito auch die rechte Mitte hielt zwischen modischer Lässigkeit und maßgeschneiderter Noblesse. Ein munteres Quodlibet über das Wetter, besondere Vorkommnisse bei der Anfahrt und Pünktlichkeit begleitete, wie in einem falsch synchronisierten Film, die Musterung, ohne dem Vorgang etwas von seiner judikativen Strenge zu nehmen, wie immer es bei der stummen Urteilsfindung - in Sekundenschnelle - zugehen mochte. Der zuletzt eingetroffene grauhaarige Herr, in dieser Runde offenbar Neuling, verstand die Blicke, die sich, wenn auch nur kurz, auf seinen tadellosen Trachtenanzug hefteten und den anschliessend aufgefangenen Blickkontakt zwischen seinen Begutachtern jedenfalls so, dass er bei erster sich bietender Gelegenheit unauffällig beiseite ging, um sich von seiner Krawatte (in zünftigem Rosa) zu befreien und auch sonst seine Kleidung etwas in Unordnung zu bringen. Dass beim Umschlagen der Ärmel (mehr liess das steife Material nicht mit sich machen) eine auffällige Armbanduhr, für Kundige sofort als Modell für Sporttaucher erkennbar, zum Vorschein kam, war ihm nicht unlieb. Freilich blieb die Nachbesserung nicht unbemerkt und ein weiterer Blickkontakt belehrte ihn, dass der Erfolg der Operation zwar anerkannt, aber durch einen Punktverlust wegen allzu durchsichtiger Absicht und damit Gefährdung der allgemeinen Unbefangenheit wieder wettgemacht wurde. Diese oberste Regel, die zur Schau getragene Ungeniertheit, hinter der jeder für sich das Wissen um die auch hier herrschenden Regeln zu verbergen gehalten war, wurde schnellstens dadurch wiederhergestellt, dass einige wie zufällig anfingen loszuträllern. Übrigens bedeutete die fraglose Anerkennung der Spielregeln, die dank ihrer Verleugnung auch gar nicht in Frage gestellt werden konnten, nicht etwa Gleichbehandlung. Selbst die Notenskala, nach der die Garderobe beurteilt wurde, war je nach dem vorgängigen Ansehen der Person sehr verschieden. …

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